TROTZ ALLEDEM!

 

FRAUEN 2000 - EUROPAMARSCH:

WIR HABEN KEINE ZEIT, UM UNS MIT FORDERUNGSKATALOGEN,
DIE NUR AUF DEM PAPIER STEHEN, ABZUGEBEN !

ORGANISIEREN WIR UNS FÜR EINE NEUE WELT:

OHNE MÄNNERHERRSCHAFT, OHNE RASSISMUS

UND OHNE AUSBEUTUNG!

Verschiedene Frauenorganisationen aus 12 europäischen Ländern haben zu einem europaweiten Frauenmarsch aufgerufen. Er wird ein Bestandteil des Weltmarsches der Frauen, zu dem die Föderation der Frauen Quebecs/Canada aufgerufen hat. Die den Aufruf verfassenden Frauen stellen als Ziel dieses Marsches "die Stärkung der Rechte der Frauen und die Betonung "der Forderung nach Gleichberechtigung" auf. Die Weltfrauenkonferenz, die 1995 von der UNO mit 182 vertretenen Staaten in Peking veranstaltet wurde, hatte ein Dokument verabschiedet, in dem Forderungen und Ziele für die Gleichberechtigung formuliert wurden. Genau fünf Jahre nach dieser Konferenz hat der Frauengipfel 2000 der UNO in New York im Juni dieses Jahres festgestellt, daß die Regierungen für die Durchsetzung der Pekinger-Beschlüsse nichts gemacht haben und hat noch einmal für die Gleichberechtigung und für den Schutz der Rechte der Frauen Forderungen erhoben. Der Weltmarsch der Frauen, der in fünf Kontinenten am 14. und 15. Oktober stattfinden wird, gibt vor, die Regierungen unter Druck zu setzen, damit sie die von ihnen unterschriebenen Forderungen praktisch umsetzen. Die Plattform des Frauenmarsches ist ein sehr umfassender und detaillierter Forderungskatalog. So wird die Abschaffung der gesetzlichen Ungleichheit, die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen, das Ende der sexuellen Gewalt gegen Frauen und Schutz der Opfer von Gewalt verlangt. Die Veranstalterinnen des Europa-Marsches haben vor, diesen Forderungskatalog als eine Petition dem Parlament der Europäischen Union zu übergeben. Wir kämpfen in unseren Ländern (in Deutschland und in der Türkei/Nordkurdistan) als unterdrückte Frauen gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Wir erleben in unserem tagtäglichen Kampf, daß Dutzende von veranstalteten Frauenkonferenzen, Dutzende von den Regierungen unterzeichnete Absichtserklärungen keinen Wert haben. Umgekehrt erleben wir, daß im Namen der Globalisierung das imperialistische Kapital jeden Tag aggressiver wird, daß unsere erkämpften Rechte nach und nach zurückgeschraubt werden und unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen sich verschlechtern.

Wir wissen, daß Institutionen wie die UNO, das EU-Parlament etc. die Interessen der Imperialisten gegen die Unterdrückten vertreten. Daß die Forderungen der Frauen als eine Petition an die Vertreter solcher Institutionen im Namen der Weltfrauenbewegung oder der europäischen Frauenbewegung überreicht werden soll, empfinden wir im besten Fall wie eine leere Geste.

Das ist nicht das einzige, das uns stört. Bei den Frauenkonferenzen der UNO werden seit jeher als Weg und Methode der Frauenbewegung der "Lobbyismus" und die "Schaffung von Frauennetzen" angepriesen. Danach soll die Frauenbewegung um ihre Forderungen durchzusetzen, in allen Staatsorganen, in den Regierungen und in den politischen Parteien Positionen besetzen und in diesen Institutionen Leute für sich gewinnen, die die Frauenrechte verteidigen und unter diesen "Frauenfreunden" ein Netz schaffen. Was uns hier vorgeschlagen wird, ist eine Art Marsch durch die Institutionen und eine "Eroberung" des Systems von innen. Das lehnen wir radikal ab. Dieser vorgezeichnete Weg dient nur dazu, daß die Frauenbewegung in den Rädern des Systems zermalmt wird. Was Lobbyismus in der Praxis bedeutet, kann man gut an den bisherigen Ergebnissen sehen. Das bringt mit sich, daß die hervortretenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung, die Frauen der Mittelschicht bestimmte Positionen in dem System sich erkämpfen und Anteil am Kuchen haben.

Für die Frauen z.B. in Deutschland, die mit Sozialhilfe versuchen zu überleben oder die arbeitenden Frauen, die unter den schlechtesten Bedingungen und für die niedrigsten Löhnen arbeiten und als Alleinverdienerinnen sich und ihre Kinder durchzubringen versuchen, die Migrantenwerktätigen, die auf der untersten Stufe der Gesellschaft sind, bleibt bei dieser Verteilung nicht mal ein Krümel übrig. Die Frauen, die Asyl beantragt haben oder sich illegal in europäischen Ländern aufhalten, haben weder einen Status noch Sprachkenntnisse um einen Lobbyismus zu machen.

Aus diesen Gründen lehnen wir diese Linie in der Frauenbewegung ab. Wir meinen, daß es nicht zufällig ist, daß Begriffe wie Solidarität der Frauen in Vergessenheit geraten, aber Begriffe wie "Lobbyismus" in Mode gekommen sind. Das beweist nur, daß am angekommenen Punkt die Frauenbewegung ihre ganze Radikalität abgelegt hat und eine systemimmanente Position verficht.

Wir wählen den Weg des Kampfes der Unterdrückten - gestützt auf ihre eigene Kraft - gegen das patriarchale Unterdrückungs- und Ausbeutungssystem. Nicht Lobbyismus bei den Staaten und Regierungen, sondern die internationale Solidarität mit allen oppositionellen Kämpfen der Unterdrückten gegen das System - das ist unser Weg.

WIR HABEN KEINE ENERGIE ZU VERGEUDEN UM UNS MIT FORDERUNGSKATALOGEN ABZUGEBEN, DIE SOWIESO IN DEN GÄNGEN DER UNO ODER DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTES UNTERGEHEN WERDEN.

Die Plattformverfasserinnen schauen auch nicht über den Tellerrand Europas hinaus. Sie machen sich nicht bewußt, daß sogar in ihrer nächsten Nachbarschaft in Ländern wie z. B. der Türkei oder Rumänien, ein "demokratischer Kampf" auf der Staats- und Regierungsebene von vorneherein ein Ding der Unmöglichkeit ist. In diesen und ähnlichen Ländern existiert nicht mal eine Demokratie des westeuropäischen Typs. Plattformverfasserinnen schlagen den Frauen in diesen Ländern vor, sie sollten mehr arbeiten um ihrer Stimme bei ihren Regierungen noch mehr Gehör zu verschaffen. Sie verschließen damit ihre Augen davor, daß in Ländern wie Nordkurdistan/Türkei Frauen, die für die Menschen- und Frauenrechte kämpfen, mit wildem Staatsterror unterdrückt werden und einfache Gewerkschafterinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen, Mitglieder von oppositionellen Organisationen hinter Gitter verschwinden. Die sogenannten NGOs (Nichtregierungsorganisationen), die auf solche Vorschläge hören, bereiten sich vor, ihren Regierungen solche Forderungskataloge zu unterbreiten. Und was passiert, wenn die Regierungen diese erhalten? Papier ist geduldig. Solche Forderungskataloge werden gut in den Schubladen aufbewahrt und im besten Fall zu bestimmten Feierlichkeiten wie dem 8. März und für Sonntagsreden herausgeholt. Danach wird wieder zur Tagesordnung übergegangen: Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen, der Sturz immer mehr Frauen in Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend. Kurz, wilde Angriffe des Ausbeutersystems.

Aus all diesen Gründen lehnen wir Kräfte ab, die sich auf Kosten der unterdrückten Frauen in diesem System einen Platz ergattern wollen. Sie beuten den Kampf für die Gleichberechtigung der Frauen für ihre eigenen Interessen aus. Eine solche Frauenbewegung vertritt nicht unsere Interessen, sie vertritt nicht die Interessen der unterdrückten Frauen.

Wir kämpfen für eine neue Welt ohne Männerherrschaft, ohne Rassismus und ohne Ausbeutung.

Wir wollen uns mit allen Unterdrückten, die den Kampf für die Frauenbefreiung als ihren eigenen Kampf führen, zusammenschließen und in internationalistischer Solidarität gegen den herrschenden Wind der Reaktion Widerstand leisten.

Wir wollen nicht einige Krümel Rechte - wir wollen die Welt verändern!

Wir wollen eine neue Welt ohne Ausbeutung, wir wollen eine sozialistische Welt - wir werden sie zusammen erkämpfen!

September 2000

Bolşevik Partizan, Trotz Alledem