Interview mit Mouctar Bah – Freund von Oury
Initiative Gedenken an Oury Jalloh

„Aber um unsere Feinde zu besiegen,
müssen wir uns verständigen, im Herzen lieb haben,
eine Harmonie herstellen“

Frage: Als erstes bitten wir dich, dass du den LeserInnen von TROTZ ALLEDEM! kurz erzählst, wer du bist.


Mouctar: Mein Name ist Mouctar Bah, ich bin von der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh. Die Oury Jalloh Initiative wurde 2005 nach dem Mord an Oury gegründet. Ja, Oury Jalloh ist ein Freund von mir gewesen. Nach seinem Tod habe ich dann die Initiative ergriffen, mit vielen Freunden zusammen, eine Initiative zu gründen.


Oury Jalloh – sein kurzes Leben

Frage: Du warst nah dabei, als Oury Jalloh festgenommen und ermordet wurde. Kannst du uns bitte aus deiner Sicht dieses schreckliche Ereignis beschreiben?

Mouctar: Leider Gottes war ich nicht dabei als Oury Jalloh festgenommen wurde. Ich habe das nur aus dem Radio mitbekommen. Aber einen Tag vorher am Abend war ich mit ihm zusammen. Bevor er in die Diskothek gegangen ist. Und am nächsten Tag um 12 Uhr hat mich ein Freund benachrichtigt, im Radio wurde gemeldet ein Flüchtling, ein Migrant sei in einem Polizeirevier in Dessau ums Leben gekommen.
Daraufhin haben wir uns gesammelt und sind in das Revier gegangen, wo Oury Jalloh ermordet worden war. Dort haben wir nachgefragt, wir wollten wissen, wer der Gestorbene sei. Dann waren sie sehr nervös die Polizeibeamten, sie waren zu dritt.
Sie haben uns gedroht, wenn wir nicht weggehen, dann werden sie uns anzeigen und wollten uns keine Auskunft geben, wer gestorben ist. Die haben uns nach Hause geschickt, dann kam um 14.30 Uhr im Radio, dass ein Flüchtling, ein Schwarzafrikaner aus Roßlau (ein Ort neben Dessau), der aus Sierra Leone kommt, im Gefängnis gestorben ist. Wir wussten, dass nur ein Schwarzafrikaner aus Sierra Leone, nämlich Oury Jalloh, dort lebte. Dass er in diesem Flüchtlingsheim gewohnt hat.
Da erst sieht man, wie das hier in Deutschland funktioniert. Man hat ihn zuerst einmal als Drogenkriminellen hingestellt, als Drogendealer, der in dieses Polizei-Revier ein Feuerzeug geschmuggelt und sich selbst angezündet haben soll, so wurde das erzählt von den Medien.

Frage: Wer war Oury Jalloh? Bitte erzähle uns über deinen Freund – wo kam er her, was waren seine Gedanken, seine Pläne für die Zukunft?

Mouctar: Ja, Oury Jalloh war ein Flüchtling, der aus Sierra Leone nach Deutschland kam. Sierra Leone ist ein Land in Westafrika, wo Militärputsche an der Tagesordnung waren und Kriege um Rohstoffe geführt wurden. Die Rohstoffe in Afrika werden in diese Länder wie Deutschland, Frankreich, USA, alle exportiert und dann verarbeitet. Oury floh aus seinem Land weil er nicht als Kindersoldat zwangsrekrutiert werden wollte. Er ist abgehauen in den Okzident und kam nach Deutschland.
Er war ein freundlicher Mensch, er war sehr informiert über Politik und sehr in Politik interessiert. Oury war sehr, sehr sportlich. Und er war der einzige unter uns, sagen wir so, der eine multikulturelle Person war. Man hat ihn mit allen Nationalitäten gesehen, mit Kurden, Türken, Asiaten. Er hat alle Nationalitäten als Freunde gehabt. Er kam mit ihnen zusammen.
Wir haben ihn gefragt, wo lernst du diese Leute kennen, wie sprichst du mit diesen Leuten? Er war eben Oury Jalloh, so war er. Er war ein Mensch, der sich über die Afrika-Politik aufgeregt hat. Wenn er immer diesen Bundestag gesehen hat, wenn dort diskutiert wird. Ja, Mouctar, guck doch mal wie das hier läuft, wie schön das hier in Deutschland ist. Wie viel Freiheit man hier hat. Letztendlich, wenn er das gewusst hätte, wenn er das gesehen hätte, wie das System funktioniert, dann hätte er sich an seinen Kopf gefasst.

Frage: Die Flüchtlinge durften damals gar nicht arbeiten, was hat Oury gemacht?

Mouctar: Nicht nur durften Flüchtlinge nicht arbeiten, wir hatten auch die Residenzpflicht. Residenzpflicht bedeutet, dass Leute nicht in andere Gebiete gehen durften. Wir mussten in dieser Stadt, in diesem Gebiet, wo wir angenommen worden sind, bleiben. Durften auch nicht in die Schule gehen, nicht arbeiten, so war die Situation damals. Trotz dieser Schwierigkeiten hat Oury versucht, eine Arbeit zu finden. Er war Automechaniker in Afrika, das hatte er gelernt, er kannte sich sehr gut aus. Dieser Traum ist leider in Deutschland geplatzt.

Frage: Oury Jalloh hatte auch ein Kind, lebte er mit einer Frau zusammen?

Mouctar: Oury war wie gesagt ein Geflüchteter, der eine Freundin hatte. Ich habe immer noch Kontakt mit ihr. Sie hatten zusammen ein Kind. Durch dieses Schicksal habe ich das Kind kennen gelernt. Man hat ihnen das Kind weggenommen, einen Teil von seinem Körper weggenommen, zur Adoption gegeben, ohne seine Zustimmung, ohne seine Unterschrift.
Man hat das so begründet, dass in dem Ort, wo es geboren ist, es nicht groß werden kann, weil es eine andere Hautfarbe, weil es ein anderes Aussehen hat. Die Großeltern haben das Jugendamt kontaktiert, daraufhin wurde das Kind weggenommen. Es muss jetzt 15 sein, wir wissen nicht, ich weiß nicht, wo es jetzt ist und ob es davon etwas hören will. Das ist eine krasse Sache, dass man das Kind von jemandem einfach so wegnehmen kann. Danach haben die beiden sich beschwert und wollten das Kind zurück haben.
Oury besuchte mich in meinem Laden und bat mich ihm zu helfen, einen Anwalt zu finden, weil er nicht gut Deutsch sprechen konnte. Daraufhin hat sich unsere Freundschaft entwickelt. Ich habe ihm einen Anwalt gefunden, damit er sein Kind wieder zurückbekommen konnte.

Bittere Erfahrungen ... „welchen Weg muss ich gehen?“

Frage: Wir möchten von dir erfahren, wie du die Zeit seit dem Mord an Oury Jalloh siehst. Welche Erfahrungen musstest du machen?

Mouctar: Es ist eine Sache, die mein ganzes Leben geändert hat. Man könnte jetzt vermuten negativ, aber im Gegenteil, es hat sich positiv entwickelt. Weil ich jetzt weiß, wie das System läuft, wie es funktioniert. Das hat mir geholfen. Ich weiß jetzt, welche Wege ich gehen muss. Ich werde niemals dem System oder der Regierung vertrauen, ich finde es nur schade, dass viele das nicht wissen. Daher, dass ich das jetzt weiß, das hat mir auch viel Kraft gegeben.

Frage: Wie kam es dazu, dass ihr, du und andere nach dem Mord den Kampf um Aufklärung aufgenommen habt? Wie haben die staatlichen Institutionen reagiert? Welche Reaktionen kamen aus der Bevölkerung? Wie weit ging die Repression?

Mouctar: Als wir festgestellt haben, dass dieser Staat diese Sache zu vertuschen versucht, haben wir beschlossen, wir nehmen die Sache in die Hand mit ungefähr 25 Leuten. Alle Immigranten.
Du musst dir vorstellen, am Anfang hatten sie diese Autopsie von Oury gemacht, die Staatsanwaltschaft hat die Gerichtsmediziner beauftragt, den Leichnam zu untersuchen. Später haben wir gefragt, ob es möglich ist, dass wir Röntgenbilder bekommen können, weil er Verletzungen am Körper hatte. Das haben sie verneint.
Du musst dir vorstellen, die haben eine Autopsie gemacht ohne Röntgenbilder zu machen. Das gibt es nur hier in Deutschland. Ein Mensch ist im Polizeirevier, an Händen und Füßen angebunden, verbrannt worden – und man hat keine richtige Autopsie gemacht. Durch viele Demonstrationen, viel Druck wurde der Leichnam dann an uns übergeben. Wir haben auf unsere Kosten eine Autopsie von einem Gerichtsmediziner vornehmen lassen. Dort hat man herausgefunden, dass er einen Nasenbeinbruch hatte, Verletzungen in den Ohren und seine Hände waren gebrochen. Dann haben wir beschlossen, dass wir etwas unternehmen müssen. Weil wir es ja hier mit staatlicher Gewalt zu tun haben. Das taten wir dann auch.
Als Konsequenz wurden wir mit Repression konfrontiert. Die meisten, die bei uns aktiv waren, sind abgeschoben, viel schikaniert worden und jetzt sind nur zwei oder drei Leute übrig, die in Dessau sind. Aber tatsächlich haben wir rausbekommen, dass es die Staatsgewalt gegen Oury Jalloh war, man hat ihn misshandelt, zusammen geschlagen und dann lebendig verbrannt.

Frage: Anhand der nicht richtig gemachten Autopsie habt ihr eure Zweifel gehabt, die wollten den Mord nicht aufklären?

Mouctar: Ja genau, die wollten nicht aufklären. Mit dem Kampf, den wir geführt haben, haben wir rausgekriegt, dass man ihn misshandelt und lebendig verbrannt hat. Das ist was ich meine, das Positive, das mein Leben geändert hat. Ich bin jetzt ein anderer Mensch. Ich vertraue diesem System nicht. Sie sagen Demokratie, es gibt keine Demokratie, wo denn.

Frage: Die Initiative, so wie ich dich verstanden habe, bestand vorwiegend aus Geflüchteten. Wie waren die Reaktionen der deutschen Bevölkerung? Der Dessauer oder Roßlauer Bevölkerung und mit welcher Repression hattet ihr zu tun, von Staatsanwaltschaft und Polizei?

Mouctar: Als dann bekannt wurde, dass Oury lebendig in einer Polizeizelle ermordet wurde, war das erste was der Staat gemacht hat, dass er Leute zu uns geschickt hat. Weiße Leute, die stark aufgetreten sind und angeblich Aufklärung wollten und die tatsächlich mit uns dastanden. Wir haben uns riesig gefreut. Wir haben gedacht, das sind Aktivisten, das sind die Linken aus Dessau, die uns helfen wollen. Aber das war alles Verarschung.
Das war der Staatsapparat, das waren Leute, die mit dem Staat zusammen gearbeitet haben. Du musst dir vorstellen, wir haben damals gesagt, es war ein Mord, wenn jemand an den Händen und Füßen gefesselt lebendig verbrannt worden ist. Obwohl die Version des Staates ohne Beweise war, er hätte sich selber umgebracht. Wir haben gesagt, das war Mord. Das hat dem Staat und seinem Apparat nicht gepasst. Sie wollten uns blockieren und daraufhin haben sie versucht, uns zu schikanieren.
Die Schikane ist, wie ich auch vorhin angesprochen habe, sie haben Freunde von mir abgeschoben, haben sie schikaniert. Ich persönlich habe dann Anzeigen bekommen, das ist das was sie zuerst machen. Die Staatsanwaltschaft übernimmt sofort die Anzeige und bearbeitet sie sofort. Anstatt das richtig zu untersuchen, formuliert sie gleich eine Anklage. Ich musste vors Gericht.
Ich wurde von Neonazis zusammengeschlagen, zweimal sogar. Aber ich wurde vors Gericht gestellt als Beschuldigter, was ich wirklich sehr grausam fand. Tatsächlich hat man herausgefunden, dass der Nazi mich angegriffen und gelogen hatte, dann hat man mich freigesprochen. Die Polizeibeamten haben mich im Rahmen des Prozesses in Dessau einfach angezeigt. Sie haben so widerliche Worte gesagt, die ich so in der Öffentlichkeit nie sagen würde, wie N-Wort und sowas.
Ich bin auch zusammengeschlagen worden und lag drei Tage im Krankenhaus. Ich habe Anrufe mit Bedrohungen bekommen, dass man mein Kind und meine Familie umbringen würde. Das habe ich auch angezeigt, mit Zeugen, bis jetzt ist nichts dazu gekommen, hat auch zu nichts geführt.

Frage: Du hast auch deine finanzielle Grundlage durch die Repression verloren?

Mouctar: Ich hatte damals einen Laden in Dessau und habe afrikanische Lebensmittel verkauft, Internetzugang, Telefonieren angeboten. Es war auch ein Treffpunkt. Nach dem Tod von Oury waren auch Journalisten da, die Freunde wurden und mit mir nach Afrika geflogen sind.
Sie haben für Monitor gearbeitet und haben mit mir gesprochen. Wir haben dann die Eltern von Oury besucht, die Initiative hat sich auch durchgesetzt. Das wurde dann in Deutschland ausgestrahlt, bei ARD, bei Phönix, und weitere sieben Kanäle haben das gezeigt. Danach hatte ich richtig viel Druck. Mein Geschäftsschein wurde weggenommen, die haben gesagt ich sei nicht fähig, einen Laden zu führen, ich musste meine Lizenz abgeben.
Da war ich zuerst mal sprachlos, wo lebe ich, deswegen meinte ich vorhin, und komme noch einmal darauf zurück, das hat mein Leben verändert, in eine positive Richtung.

Ermittlungen in die eigenen Hände nehmen

Frage: Wie hat sich das dann weiter entwickelt als ihr gesagt habt, das war Mord, und das ist im Polizeirevier passiert. Ihr habt dann selber einen Brandgutachter beauftragt, was hat dieser herausgefunden?

Mouctar: Als sie ihn umgebracht haben, haben wir gesagt, das war Mord. Die Staatsanwaltschaft hat sich quer gestellt und uns verboten das zu sagen. Sie haben uns angeklagt, das Oberlandgericht in Naumburg hat entschieden, dass wir das sagen dürfen, dass sei Meinungsfreiheit. Wir hatten das sogar in der Hand als wir 2012 zusammen geschlagen wurden. Wir erklärten, wir dürfen das sagen von eurem Staat, von eurem Gericht, von diesem angeblich demokratischen Gericht wir durften das sagen, trotzdem hat man uns geschlagen.
Es gab einen Prozess im Landgericht Dessau, aber diese Anklage war nur wegen fahrlässiger Tötung gegen zwei Polizeibeamte nicht wegen Mord, sondern dass sie nicht schnell reagiert haben, um Oury im Keller zu retten. Das war nur einfach um zu zeigen, seht her, wir machen doch was, wir haben zwei Personen angeklagt. Man muss auch die Ideologie verstehen, die dahinter steckt.
Sie wollen in der Öffentlichkeit zeigen, dass kann nicht sein, dass jemand stirbt, und sie keinen anzeigen. Sie wollten zeigen, dass der Rechtsstaat funktioniert. Nach mehreren Demonstrationen, wir mussten erst viele Male demonstrieren in Dessau, bis die Leute dort angeklagt wurden, dann erst kam es zum Prozess. Als wir diesen Prozess hatten, war einiges offensichtlich und ist viel raus gekommen.
Du musst dir vorstellen, im Gerichtssaal hat eine Polizeibeamtin ausgesagt, dass Flüssigkeit neben Oury lag, dass er so nass war als ob man ein Glas Wasser über ihn geschüttet hätte. Das ist im Gerichtssaal gesagt worden, aber für das Gericht war das nicht interessant.
Zwei Polizeibeamte waren um 11.30 Uhr bei Oury in der Zelle, die nicht ihre Namen protokolliert hatten. Alle anderen, die in die Zelle gegangen waren, hatten ihre Namen protokolliert. Diese zwei Polizisten waren unten und man konnte ihre Profile, ihre Schatten im Monitor sehen, aber die Zeugin wusste nicht, welche Beamten das waren. Auch diese Frage war nicht wichtig für das Gericht.

Frage: Um es besser zu verstehen. In der Zelle war eine Kamera?

Mouctar: Nein, in der Zelle nicht. Im Flur.

Frage: Im Flur war eine Kamera und man konnte sehen, dass zwei Polizisten in die Zelle reingegangen sind.

Mouctar: Die Zeugen haben sozusagen ihre Kollegen nicht wieder erkannt. Das wurde nicht protokolliert. Das war kein Thema für das Gericht. Es ging also um fahrlässige Tötung und letztlich hat man die Beamten frei gesprochen.

Frage: Warum?

Mouctar: Man hat gesagt, wenn der Angeklagte Andreas Schubert auch schneller gehandelt hätte, hätte er Oury nicht retten können. Das war der Grund warum er freigesprochen wurde.
Der zweite Beamte, der Oury untersucht hatte, bevor er ihn in die Zelle abführte, den hat man angeklagt, dass er das Feuerzeug übersehen habe. Der hat gesagt, ich habe ihn mehrere Male durchsucht, von oben bis unten, er habe kein Feuerzeug gehabt.
Wir haben von uns aus gefordert, dass er freigesprochen werden muss. Wir haben Druck gemacht. Denn tatsächlich hatte Oury kein Feuerzeug, womit er sich angezündet haben soll. Mit was? Gibts nichts. Und dann wurde er freigesprochen.
Im Rahmen des Prozesses ist viel heraus gekommen, das zeigt, dass Oury ermordet worden ist. Die Beamten haben gelogen und der Richter wusste, dass sie lügen. Er hat großspurig angedroht, alle Zeugen ans Kreuz zu nageln, falls sie nicht die Wahrheit sagen würden. Alles eine Show, um das Publikum für sich zu gewinnen. Aber zum Schluss hat er sie freigesprochen, unsere Anwältin durfte nicht einmal Fragen stellen.

Frage: Aufgrund der Tatsachen, dass Oury Jalloh kein Feuerzeug bei sich hatte und die Matratze feuerfest war, ward ihr der Meinung, dass Oury angezündet worden sein muss, von einem Dritten also dem Polizisten. Wer hätte sonst Zugang zur Arrestzelle? Dann habt ihr einen Brandgutachter aus England geholt?

Mouctar: Nach dem ersten Prozess in Dessau, als die beiden Beamten freigesprochen worden sind, sind wir dann in Revision gegangen. Sie wurde zugelassen in Magdeburg. Aber immer noch wegen fahrlässiger Tötung, nicht wegen Mord. Wir haben dann gefordert, dass man einen Brandgutachter bestellen soll, einen internationalen Brandgutachter, der untersucht, ob Oury in der Lage war, sich selbst anzuzünden. Dadurch, dass sie das abgelehnt haben, haben wir einen irischen Brandgutachter beauftragt.
Der sollte prüfen, ob es möglich war, eine feuerfeste Matratze mit einem Feuerzeug anzuzünden. Warum wir nach Irland gegangen sind, sage ich dir gleich. Wir haben viele Anfragen in Deutschland gestellt, über 27. Kein Brandgutachter in Deutschland war bereit, diesen Test zu machen. Das muss man sich mal vorstellen. Jeder der das gehört hat, dass es sich um Oury Jalloh handelt, hat das abgelehnt. Sie haben gesagt, dass sei zu heikel.
Das ist jetzt keine Spekulation, das habe ich schriftlich. Daraufhin sind wir nach Irland gegangen.
Dort wurde herausgefunden, dass diese Matratze niemals durch ein Feuerzeug brennen kann. Allein mit einem Feuerzeug ginge das überhaupt nicht. Der Brandgutachter hat die Matratze aufgeschnitten und den Schaum raus geholt und angezündet, anderthalb Stunden lang hat er das versucht, das ging nicht anzuzünden. Das ging nicht, das brannte nicht. Dann haben wir Brandbeschleuniger geholt, also Benzin, dann haben wir das darauf gegossen. Die Matratze brannte wieder nicht ganz komplett.
Wenn du das Benzin anzündest, dann bildet die Matratze Flüssigkeit und löscht das Feuer. Also die Matratze löscht sich selber. Das Benzin brennt weg. Als wir diesen Test gemacht haben war die Tür offen. Bei Oury war die Tür zu. Das bedeutet dort gab es kein Co2. Das heißt bei Oury konnte die Matratze nicht brennen ohne ein Mittel, ohne ein Hilfsmittel.
In unserem Versuch brannte die Matratze trotzdem nicht wie bei Oury. Da fragt man sich als ein normaler Mensch, womit ist da verbrannt worden, was wurde eingesetzt.

Frage: Oury ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Euer Gutachter ist zum Ergebnis gekommen, dass mehrere Liter Brandbeschleuniger benutzt worden sein müssen.

Mouctar: Natürlich, der Brandgutachter Dr. Schiminoff, hat herausgekriegt, dass ein starkes Brandmittel, es muss nicht Benzin sein, benutzt worden ist. Es muss auch eine Explosion passiert sein, die einen Flächenbrand ausgelöst hat.
Sie haben gesagt, dass Oury schnell gestorben sein muss, deswegen denken wir, dass eine Explosion passiert ist. Wir wissen nicht welches Mittel benutzt wurde. Wir wissen aber, dass ein Polizeibeamter zu DDR-Zeiten in einer Chemiefabrik gearbeitet hat. Da hat man das Zyklon B hergestellt. Das gleiche Zyklon B, das in den Gaskammern der Nazis benutzt wurde, wurde später noch in Dessau hergestellt.

Frage: Der Staat hat dann einen Gegen-Brandgutachter beauftragt, die Dessauer Staatsanwaltschaft stand unter Druck das Gegenteil zu beweisen. Was hat dieser herausgefunden? Und wie beurteilst du diese Strategie des Staates? Die Ergebnisse wurden bis heute nicht veröffentlicht, obwohl sie seit einem Jahr vorliegen. Wie beurteilt ihr als Initiative diese Strategie des Staates?

Mouctar: Um diesen Fall zu verstehen, müssen wir noch einmal zurückgehen. Wir haben nicht nur das eine Gutachten beauftragt, sondern vier.
Letztendlich sagt die Staatsanwaltschaft, dass sie selber ein Gutachten erstellen müssen. Das haben sie dann auch gemacht. Das war eine Show bis zum geht nicht mehr. Dieser Kontext, in Leipzig war das.
Sie hatten die ganze Presse eingeladen. Das war schon auch lustig. Der Gutachter meinte, was diese Spinner von der Initiative sagen, ist Unsinn. Kommt her, hier ist eine Matratze, wir werden das Gegenteil beweisen: Eine Matratze kann auch ganz schnell brennen.
Als wir dort ankamen, war die Raumtemperatur 34 Grad. Zweitens habe ich diese Matratze untersucht, weil er uns das erlaubt hat. Ich hebe sie hoch, um zu sehen, ob sie intakt ist. Tatsächlich sehe ich unten, dass diese Testmatratze zerrissen ist, völlig durchlöchert und kaputt. Damit sie besser brennt. Das habe ich den Presseleuten gezeigt und erzählt, dass die Matratze auf der Oury lag, keine Löcher hatte.
Das war wirklich eine Show. Ich habe mich gefragt, ob die Staatsanwaltschaft normal tickt. Die laden die Presse ein, die Verwandten von Oury und legen dort eine kaputte Matratze hin. Die legen dann einen Dummy auf diese Matratze. Mit Schweinehautstreifen auf dem Dumy und das war eine Hose und darin haben sie Schaumstoff rein gestopft, ich mache diesen Dummy auf und greife in den Schaumstoff. Was ist das, frage ich? Oury hat wohl auch Schaumstoff in die Zelle geschmuggelt, das geht doch nicht. Das war alles absurd!
Das habe ich der Presse gezeigt und den Reißverschluss wieder zugemacht. Tatsächlich haben sie angefangen, den Versuch durchzuführen. Es durfte nicht gefilmt werden. Das Ergebnis war, dass mit dem Feuerzeug die Matratze nicht brennen konnte.
Danach haben wir wieder ein Gutachten beauftragt, um dieses Gutachten zu bewerten.
Wie viel Geld wir da reingesteckt haben, mein Gott, die Unterlagen der Staatsanwaltschaft haben wir einem internationalen Gutachter vorgelegt. Der hat gesagt, das ist nicht normal. Der Test sei nur durchgeführt worden, um zu zeigen, dass alles so schnell brennt.
Dieser Dummy aus Schaumstoff brennt, aber die Haut eines Schweins schmilzt und bildet Flüssigkeit. Wenn du die Hülle aufreißt und die Matratze durchlöcherst, dann brennt die Matratze natürlich schneller, das ist doch logisch.
Trotzdem hatte es über eine halbe Stunde gedauert bis der Dummy brannte, aber trotzdem nicht wie bei Oury Jalloh. Wir haben gesagt, wir wollen keine Aufklärung – wir zwingen euch, wir fordern nicht, wir zwingen sie, ihr System offen zulegen.

Frage: Aus Sicht der Initiative gibt es keine Zweifel daran, dass es Mord war. Aus Sicht kriminaltechnischer Gutachten ist alles bewiesen. In Dessau sind mehrere Menschen Opfer von Nazigewalt und Polizeigewalt geworden.
Der Vertragsarbeiter Alberto Adriano wurde kurz nach dem Mauerfall am 14. Juni 2000 umgebracht. Zuletzt wurde die chinesische Studentin Yangjie Li von einem Polizistensohn am 11. Mai 2016 auf bestialische Weise ermordet. Wieder sind Polizeikreise involviert, wurde versucht, die Untersuchung zu manipulieren, haben die Mutter des Mörders, selbst Polizistin und der Stiefvater, Chef der Dessauer Polizei, versucht, den Mord zu vertuschen. Dessau ist zu einem Symbol für Nazi- und Polizeimorde geworden.
Die Ursache liegt sicherlich in der Zulassung von Nazi- und Polizeigewalt in der Stadt. Hier kann man nur sagen: Staat und Nazis Hand in Hand gegen Migranten und Antifaschisten. Sie wissen was sie tun und sie bleiben straffrei. Gilt der sogenannte Rechtsstaat hier nicht? Wie siehst du das Zusammenspiel von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten?

Mouctar: Es sind nicht nur diese drei Migranten um­­gebracht worden, sondern viele mehr, durch Nazis und durch Polizei. Ich kann mich erinnern z.B. 1997 im Dezember, da war ich gerade neu in Dessau, wurde ein Toter vor dem Revier aufgefunden. Im selben Polizeirevier, wo Oury umgebracht wurde, unter demselben Dienstgruppenleiter und selben Arzt ist 2003 schon jemand umgekommen in dieser Polizeizelle.
Das muss ich an dieser Stelle noch sagen.
Was mich wirklich verändert hat, früher hatte ich an den Westen geglaubt. Bevor ich nach Deutschland kam, wow, nirgendwo gibt es Frieden und Demokratie wie hier. Hier habe ich gesehen, dass es ganz anders ist. Ich bin in ein Loch gefallen, aber wie ich gesagt habe, das hat mein Leben geändert.
Früher habe ich an diesen Staat geglaubt. Ich habe das mit meinen eigenen Augen gesehen, ich vertraue denen nicht mal eine Sekunde: das ist eine kollektive Arbeit: Polizei tötet, Staatsanwaltschaft ermittelt, Gericht entscheidet.

Mama von Oury Jalloh

Frage: Solchen Initiativen wie eurer ist zu danken, dass die Schweinereien rauskommen, dass dieser Schleier der Ungerechtigkeit nieder gerissen wird, die Gewaltenteilung gar nicht existiert, das man viel klarer sehen kann, dass Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte zusammen halten und zusammen spielen.
Die Mutter von Oury konnte keine Gerechtigkeit erfahren, sie ist vor einem Jahr gestorben, wie waren ihre Gefühle und Gedanken zu diesen Geschehnissen?

Mouctar: Die Mama von Oury, diese starke Frau, die zwei Mal hier in Dessau gewesen war, um im Gerichtssaal diese grausame Anhörung mit zu verfolgen. So eine starke Frau, wenn ich an sie denke, dann kommen mir Tränen in die Augen. So stark war diese Frau, sie hat diesen ganzen Prozess verfolgt, bis zu dem Tag als wir herausbekommen haben, dass Oury das Feuerzeug nicht selbst hätte bedienen können. Weil keine DNA weder auf der Matratze noch in der Zelle noch am Feuerzeug gefunden wurden.
Sie hat gesagt, was wollt ihr hier noch einmal verhandeln, soll mein Sohn immer noch der Täter sein, der sich selbst angezündet haben soll. Sie schaute den Staatsanwalt und das Gericht an und fragte, ist er immer noch der Täter.
Dann erzählte sie, bevor der Bürgerkrieg in meinem Heimatland begonnen hat, kamen viele Touristen, weiße Touristen, aus allen Ländern mit ihren Rucksäcken, die uns besucht haben. Jeder von uns hat sich gefreut, wir sind rausgegangen, diese Touristen haben Bonbons mit uns geteilt. Ein älterer Mann hat zu mir gesagt, pass lieber auf, das ist kein gutes Signal. Diese Touristen, das ist kein gutes Signal.
Nicht mal sechs Monate sind vergangen, dann kam der Bürgerkrieg. Sie meinte, es ist genauso wie hier in diesem Saal, ich kann mich genau daran erinnern, als ob sie das jetzt sagen würde. Ihr spielt das Leid, ihr tut so als ob euch das leid tut, im Endeffekt möchtet ihr nicht aufklären, ich gehe und komme nie wieder. Ich möchte nicht mehr eingeladen werden, sie ist aufgestanden und gegangen.
Zwei Tage später ist sie nach Afrika geflogen und zwei Wochen später ist sie verstorben. Sie konnte das alles nicht verkraften.

Widerstand

Frage: Im Januar 2017 zum Jahrestag der Ermordung von Oury Jalloh fand die bis heute größte Demo in Dessau statt. Mein Eindruck war, dass aus der Dessauer Bevölkerung wenig Unterstützung kam, eher von außen.

Mouctar: Ja, leider Gottes es ist so. Leute aus Dessau, die ich gut kenne, kommen, aber nicht viele.
Dessau ist eine Stadt, wie soll ich dir das sagen, da leben viele Konservative. Wir haben dort viele Leute, die das nicht hören wollen. Es gibt Leute, die haben diese faschistische Ideologie in ihren Köpfen drinnen. Da sind auch viele Leute, die Angst haben. Das sind meine Erkenntnisse. Es sind Leute zu uns gekommen, die uns die Hand gedrückt haben, aber die wollten nicht gesehen werden. Sie haben Angst, dass sie verfolgt werden würden, wie damals als wir aktiv waren und verfolgt wurden. Ich nehme das ihnen nicht übel, aber nehme es so wie es ist. Aber der Kampf geht weiter.

Frage: Findest du die Unterstützung durch linke-antifaschistische Kreise für diesen Kampf ausreichend oder wie schätzt du das ein?

Mouctar: Wenn ich ehrlich sein soll, ich erwarte gar nichts. Unser Kampf der Migranten in Deutschland liegt in unserer Hand. Wir müssen das selber dirigieren, wir müssen nicht erwarten, dass die Linken uns unterstützen. Wenn sie kommen, Gott sei Dank, wenn sie eben nicht kommen, dann haben wir eben Pech. Unsere Arbeit müssen wir selber erledigen. Diese Stimmen werden dann immer besser.
Die Leute, die jetzt Antifaschisten sind oder Antirassisten oder wie sie auch heißen, wenn sie kommen, dann sind sie herzlich willkommen. Wir nehmen sie mit ins Boot, aber wir möchten ihnen sagen, dass das unser Kampf ist.
Ich selbst habe das in Dessau erlebt, wo am Anfang Linksaktivisten dabei waren, die bis zum Schluss alles in die Hand nehmen wollten. Wir haben gesagt, geht das noch! Wir durften nicht sagen, dass das Mord war. Dann haben wir gesagt o.k. ihr führt euren Kampf, ich meine die Linken aus Dessau. Ich weiß nicht, wie die alle heißen. Die wollten uns das verbieten, das zu sagen. Gott sei Dank, hatten wir das Selbstbewusstsein, das Gefühl, dass es Mord war, zu äußern.
Das Problem ist auch, dass der Staatsapparat überall vertreten ist. Die sind auch da rein gekommen, sie wurden reingebracht, ohne dass wir das wussten, das habe ich auch erlebt. Ich habe Leute gesehen, die sich als links definiert haben. Zum Schluss kam heraus, dass sie für den Staat gearbeitet haben.
In unserer Initiative drin waren schwarze Leute, die für den Staat ermittelt haben. Sie waren so aktiv bei Oury Jalloh, die aber alle Informationen an den Staat weiter gegeben haben. Wir haben Türken gehabt aus Hamburg, die uns unterstützt haben, die Tomaten und Eier in Richtung Polizei geworfen haben. Am Ende haben wir rausgekriegt, dass das V-Leute und Informanten waren. Das haben wir rausgekriegt. Die Leute, die betroffen sind, müssen einen Aufstand machen, wir müssen weiter gehen.

Frage: Gut, damit hast du auch die Frage wie man gegen institutionellen und gesellschaftlichen Rassismus kämpfen muss, beantwortet, möchtest du dazu noch etwas sagen? Ein, zwei Ideen uns sagen.

Mouctar: Natürlich, dass die Migranten, die Betroffenen den Kampf vorrangig stark machen müssen.
Ich habe Vertrauen geschenkt und sie mir, damit wir darunter nicht krank werden. Denn solange wir gesund sind, können wir kämpfen, wir kämpfen nur, wenn wir leben.
Das heißt, wir müssen versuchen, zu leben, wir müssen versuchen, gesund zu bleiben und dann kämpfen.
Nur wenn wir uns gegenseitig unterstützen und Harmonie herrscht, wenn wir zeigen, dass wir zusammen gehören, dann sind wir stark, dann können wir zum Kampf gehen.

Frage: Aber meine Erfahrung ist auch, dass das, was uns stark macht und gesund hält, ist auch eine Organisierung. Eine Organisation, du kannst nicht allein gegen die Polizei und die Nazis kämpfen. Dann wirst du wirklich krank.

Mouctar: Natürlich, das meine ich auch. Wenn wir uns gegenseitig stärken, dann ist das eine Organisation. Ich meine nicht nur gegen diese Institution, wir kämpfen gegen ein System, gegen ein verbrecherisches System, das auf der ganzen Welt herrscht, gegen ein System, das so müde ist, das nur eines im Kopf hat: Gewalt, Waffen zu exportieren und grausam Leute umzubringen.
Man sieht doch, wie viele Kinder auf der Welt sterben. Wie viel unschuldige Menschen sterben, Verdammte dieses Systems. Das ist die schwache Seite dieses Kapitalismus, denn wenn ein System stark ist, gesund ist, das tut so etwas nicht. Aber da es wackelt, krank ist, stinkt es, weiß nicht wo es hinführt, macht es was es will. Tribunal „NSU-Komplex auflösen“

Frage: Vom 17. bis 21. Mai 2017 warst du als Aktivist beim Tribunal „NSU-Komplex auflösen“. Wie war das für dich – was war aus deiner Sicht besonders wichtig, gut und was war nicht so gut? Wie geht es nach dem Tribunal weiter?

Mouctar: Ich fand es für uns Aktivisten sehr, sehr gut. Für die Betroffenen, die da waren, super gut.
Aber was ich schade fand, dass wir nicht viel Presse dort hatten, weil das ein Hauptthema ist. Da sind viele Menschen umgebracht worden. Das muss Hauptthema in diesem Land werden. Müsste an der ersten Position in den Medien sein. Aber leider Gottes konnte ich das nur in drei Zeilen lesen. Sonst würde ich sagen, für uns selbst war das eine Motivation. Ich wünsche mir, dass das Tribunal hinaus geht, nicht nur national sondern international weiter verfolgt und bekannt wird.
Wenn man von einem Tribunal hört, im Gesamtkontext geht es um Gerechtigkeit, diese Gerechtigkeit, die wir haben wollen. Wir haben selbst das Tribunal hergestellt, dann stellen wir auch die Gerechtigkeit selber her und müssen kämpfen damit wir die Gerechtigkeit bekommen.
Das Tribunal soll hier nicht stehen bleiben, deshalb wünsche ich mir, dass das Tribunal vor eine Menschenrechtskommission in Genf kommt, dass wir die 99 Leute mit den Beweisen anklagen. Wenn es nur national hier in Deutschland bleibt, das wäre eine Schande, auf Deutsch gesagt Scheiße, das wäre traurig. Ich vertraue den Leuten, die die Arbeit gemacht haben, das sie das anstreben werden.

Frage: Wenn ich dich richtig verstehe, dann sollen wir das weiter verfolgen und tatsächlich eine Klage mit Urteilen zustande bringen.

Mouctar: Ja, das ist mein Wunsch. Anklage, wenn es auch kein Urteil geben wird. Du kannst nicht Anklage und Urteil zugleich aussprechen, wir sind kein Gericht. Gerechtigkeit fordern, das Thema international bekannt machen, dass das vertuscht wurde, es gibt auch andere Tribunale, die das so gemacht haben.

Frage: Fandest du, dass die Teilnahme der Betroffenen und die Einbindung der Betroffenen ausreichend war?

Mouctar: Leider nicht, leider waren viele Betroffene nicht da. Ich akzeptiere das, weil es manchmal auch sehr schmerzhaft ist, wenn du vor Hunderten von Leuten reden sollst und du weißt nicht, was du tun sollst. Ich fand auch die Betroffenen, die dort hingekommen sind, sehr stark. Was ich dir sage, das ist, was ich auch selber erfahren habe, was ich von den Eltern von Alberto Adriano erfahren habe. Ich weiß, wie die Betroffenen sich fühlen.
Diese Kontinuität ist wichtig für unseren Kampf, manche Opfer können diesen Kampf nicht führen gegen diese Staatsgewalt, diese demokratische Gewalt, sie sind zu schwach, sie können nur trauern. Wir Aktivisten, wir müssen unsere Arbeit machen und weiter führen.

Für die Zukunft

Frage: Zum Schluss bitten wir dich, den LeserInnen von TROTZ ALLEDEM! mitzuteilen, was dir darüber hinaus wichtig ist, was aus deiner Sicht noch gesagt werden muss, was du noch bewusst machen und hervorheben willst.

Mouctar: Ich bedanke mich ganz herzlich bei den Leuten, die das lesen werden. Ich möchte nur sagen, zusammen sind wir stark, ein einzelner ist schwach.
Es ist schwer, dass zwei zusammen kommen, verschiedener Mentalitäten und Kultur. Die Einheit vieler verschiedener Nationalitäten herzustellen, das ist schwer, aber um unsere Feinde zu besiegen, was nicht mehr lange hin sein wird, müssen wir uns verständigen, im Herzen lieb haben, eine Harmonie herstellen, dann sehen wir uns gerne und treffen uns gerne. Wenn wir uns gerne treffen, dann werden wir immer aktiver, das ist meine Einschätzung.

Ich danke dir für das Interview Mouctar.

Juli 2017
Initiative in Gedenken an Oury Jalloh


PROTESTERKLÄRUNG

Gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahren zum Mord an Oury Jalloh! Gegen die Verleugnung + das Vertuschen rassistischer Morde unter Staatsaufsicht!

2005 wurde Oury Jalloh in einer Haftzelle in Dessau verbrannt. Seitdem kämpft die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh um die Aufklärung dieses Mordes. Gegen eine Mauer des Schweigens und gegen die gezielte Untätigkeit der staatlichen Organe.
In Gutachten, die die Initiative in Auftrag gegeben hat, wird eindeutig festgestellt, Oury, gefesselt an Händen und Füßen, fixiert an der Pritsche, wurde mit Brandbeschleunigern in Flammen gesetzt. Die Lüge der Ermittler von einer Selbstverbrennung, von Selbstmord ist eindeutig. Seit zwölf Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft. Wichtige Beweismittel sind im Laufe der Jahre einfach verschwunden, zum Beispiel das Tatortvideo. Andere „Beweismittel“ wie ein Feuerzeug wurden nicht am Tatort aufgefunden.
In einer forensisch völlig realitätsfernen Versuchsanordnung im August 2016 startete die Dessauer Staatsanwaltschaft, O. Braun, einen erneuten Versuch die Selbstmordthese zu beweisen. Die Ergebnisse der Gutachter wurden nie veröffentlicht.
Im Juni 2017 überträgt der Generalstaatsanwalt Sachsen-Anhalt, J. Konrad den Fall an die Staatsanwaltschaft Halle. Drei Monate später am 12. Oktober 2017 verkündet die Oberstaatsanwältin H. Geyer die Einstellungen des Ermittlungsverfahrens. Die völlig haltlose Begründung lautet: „Das Verfahren hat keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung ergeben.“ Diese Entscheidung sei nach „sorgfältiger Prüfung“ erfolgt. Die unterschiedlichen Aussagen von Sachverständigen bieten „eine Vielzahl von Möglichkeiten widerstreitender, sich wechselseitig ausschließender Darlegungen“. Eine Bankrotterklärung.
Die klare Botschaft: Rassistische Morde vor allem in Staatsobhut werden nie aufgeklärt!
Wir protestieren gegen diesen Staatsrassismus! Wir protestieren gegen das Schweigen der Öffentlichkeit. Wir solidarisieren uns mit der Familie von Oury und mit der Initiative. Wir unterstützen sie in ihrem weiteren Kampf!
Justiz und Staat werden damit nicht durchkommen!
Gegen Rassismus und Faschisierung!

Zur jährlichen Gedenkdemonstration Oury Jalloh
Jetzt erst recht! Auf nach Dessau! 7. Januar 2018